AVAN
Der Weg
Es gibt Haltungen, die man nicht lernt. Man bringt sie mit.
AVAN wuchs in engem Kontakt mit der Natur auf. Der Garten seiner Großeltern war ein Raum ohne Sanktionen – ein Ort, an dem Beobachtung, Berührung und Experimentieren möglich waren. Wenn er als Kind einen Regenwurm auf dem Schotterweg fand, hob er ihn auf und setzte ihn ins feuchte Gras. Nicht, weil jemand es erwartete, sondern weil es ihm selbstverständlich erschien. Diese frühe Form von Mitgefühl und seine Grundhaltung, Verstehen aus unmittelbarer Erfahrung zu gewinnen statt aus fremden Deutungen zu übernehmen, sind bis heute prägend – auch wenn sie sich im Laufe seines Lebens in unterschiedlichen Kontexten immer wieder neu behaupten musste.
Auch sein weiterer Weg folgte dieser inneren Linie. Mit 18 Jahren übernahm er erstmals Gruppenverantwortung, mit Mitte 20 Verantwortung für größere pädagogische Kontexte mit Kindern, Jugendlichen und Leitenden. Pädagogisches Handeln entwickelte sich dabei nicht als spätere Berufsrolle, sondern war in einer natürlichen Form früh angelegt.
Sein formaler Bildungsweg führte über eine technische Berufsausbildung, den Studiengängen der Ingenieurwissenschaften, Berufspädagogik & Lehramt hin zur Wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität. Die Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie war der schlüssige biografische Wendepunkt, er öffnete den Zugang zum tieferen Verständnis des Menschseins. Die Psychosynthese war ein wichtiger Baustein hierzu, einer der wenigen westlichen Schulen, die transpersonale Erfahrungen als entwicklungsrelevant begreift und damit einen Rahmen bot, in dem sich meditative Praxis und psychologisches Verstehen sinnvoll verbinden ließen. 2014 gründete er das Institut für Grüne Therapie, dessen Leitung er seitdem innehat. Die Ausbildung zum Yogalehrer stellt eine weitere Integration seines Weges dar – als Verbindung von Körper, Psyche und Bewusstsein innerhalb einer etablierten Tradition.
Erfahrung als Grundlage
Parallel zu diesem äußeren Weg entwickelte sich ein innerer Erfahrungsraum, der für die heutige Arbeit zentral ist. Die folgenden Beschreibungen sind phänomenologisch gemeint; sie beziehen sich auf erlebte Zustände und beanspruchen keine Aussagen über die Natur der Realität.
In meditativer Praxis hat Avan Zustände erlebt, in denen sich das Gefühl eines stabilen Ich vorübergehend auflöste. In einer intensiven Kerzenmeditation verschwand die klare Trennung zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem; die Erfahrung wurde so intensiv, dass er die Praxis abbrach. Während eines Retreats entstand über mehrere Stunden hinweg ein Zustand stabiler, müheloser Gewahrheit, in dem sich Bewusstsein ohne Anstrengung selbst trug.
In anderen Zuständen öffnete sich ein weiter, grenzenlos erscheinender Raum, aus dem heraus sich Wahrnehmungsphänomene bildeten und wieder auflösten. In einem dieser Zustände entstand aus diesem Raum ein punktförmiges Zentrum, das zu einer räumlich ausgedehnten Struktur eines Planeten mit spürbarer Gravitation ausdehnte. Diese Erfahrung war nicht als physische Realität zu verstehen, sondern als intensive Form innerer Wahrnehmungsorganisation.
Körperlich traten Phasen differenzierter somatischer Wahrnehmung auf, bis hin zu dem Erleben, der Körper bestehe nur aus Vibration und die Grenzen zwischen innen und außen würden durchlässiger. Durch Atemarbeit und meditative Praxis entstanden Zustände grundloser Freude, nicht als Reaktion auf ein Objekt, sondern als eigenständige Qualität des Erlebens. Ähnliche Zustände traten auch im Kontext der Shakuhachi-Praxis auf, verbunden mit tiefer Ruhe und gleichzeitiger Wachheit. Im Bereich des Traumyoga entwickelten sich luzide Traumzustände, sowie Erfahrungen, die als außerkörperlich beschrieben werden können.
Diese Erfahrungen werden nicht als außergewöhnliche Errungenschaften verstanden, sondern als endogene Phänomene. Mit „endogen“ ist gemeint, dass sie innerhalb des biologischen Systems entstehen, ohne Rückgriff auf externe oder transzendente Ursachen – unabhängig davon, wie sie neurophysiologisch korreliert sind. Sie sind phänomenologisch real und können unter bestimmten Bedingungen reproduzierbar auftreten.
Ihre Bedeutung liegt nicht in ihrer Besonderheit, sondern in ihrer Unmittelbarkeit. Diese Klarheit ist keine Verkleinerung der Erfahrung, sondern ihre Einordnung. Was sich bereits in der Kindheit zeigte – dass Mitgefühl und Handeln nicht primär aus Regeln entstehen, sondern aus einer bestimmten Qualität der Wahrnehmung – hat sich in diesen Erfahrungen weiter differenziert. Der Junge, der den Regenwurm ins Gras setzte, und der Mensch, der heute Innenforschung praktiziert, folgen derselben Grundbewegung: Wer wirklich sieht, handelt anders.
Praxislinien
Der Weg von AVAN ist durch verschiedene Praxisformen geprägt, die nicht miteinander vermischt, sondern in ihrer jeweiligen Eigenlogik verstanden werden.
Kendo schulte Präsenz in Bewegung, körperliche Mitte und wache Aufmerksamkeit im Augenblick; über viele Jahre unterrichtete er selbst die Kunst des Schwertführens. Diese Erfahrung vertiefte sich in der Zen-Meditation mit intensiven Sesshins und langen Phasen stiller Praxis. Über diesen Weg kam er zur Shakuhachi, der japanischen Bambus-Meditationsflöte, in deren Praxis Atem, Klang und Stille zu einer funktionalen Einheit werden.
Körperarbeit in Shiatsu und Lomi Lomi, Naturpraxis und bewegungsorientierte Ansätze ergänzten diesen Zugang. Die tibetische Bön-Tradition eröffnete ihm die Arbeit mit Elementepraxis, Mantren, Imagination und Atemübungen sowie die Praxis des Traumyoga. Die Dzogchen-Praxis stellte dabei eine weitere Perspektive dar, in der unmittelbare Formen von Gewahrsein erfahrbar wurden, ohne dass diese konzeptionell ausgearbeitet werden mussten.
Diese Praxislinien werden rückblickend als unterschiedliche methodische Zugänge verstanden, deren funktionale Wirkprinzipien erfahrungsbezogen untersucht werden können, ohne ihre kulturellen oder religiösen Deutungsrahmen übernehmen zu müssen.
Die Haltung
Die Haltung, die diesen Weg trägt, hat sich über Jahrzehnte entwickelt und ist in ihrem Kern stabil geblieben. Lernen wird nicht als Übertragung von Wissen verstanden, sondern als Ermöglichung von Erfahrung.
Als Berufsschullehrer und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete AVAN früh mit selbstorganisierten und projektorientierten Lernformen. Im Zentrum stand die Frage, wie ein Lernraum gestaltet werden kann, der eigenständiges Verstehen ermöglicht. Dieser Ansatz setzt sich im Institut für Grüne Therapie sowie in Retreats und Ausbildungsformaten fort.
Der implizite Grundsatz lautet:
Der Lehrende öffnet den Raum. Er füllt ihn nicht.
In seiner Gegenwart lernen Menschen nicht nur etwas über Innenforschung, sondern beginnen, sie selbst zu betreiben.
Ausblick
Das Buchprojekt Niemand zu Hause: Essays über Erfahrung, Leerheit und die Grenzen spiritueller Deutung bündelt die theoretischen und praktischen Grundlagen dieses Ansatzes. Innenforschung versteht sich als offener Prozess, als Versuch, einen Raum aufrechtzuerhalten, in dem Erfahrung zunächst als Erfahrung untersucht wird, bevor sie in bestehende Deutungssysteme eingeordnet wird.
Danksagung
Den Lehrern, bei denen ich gelernt und praktiziert habe bin ich sehr dankbar, mögen es ihnen gut ergehen.
Ama Samy, Williges Jäger, Stefan Matthias, Fernand Braun, Doris Zölls,
Geshe Khorden Lhundup Gyaltsen, Geshe Yungdrung Gyatso Choekhorshang
& Yamuna Devi.